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Bericht des Remscheider Generalanzeiger vom 3.2.2011

Im Alter die Arbeitswelt erleben

Von Frank Michalczak

Sparkassensprecher Michael Scholz, Mitstreiter des Unternehmer Netzwerks "RUN", begrüßte über 100 Gäste zu einem Abend rund um das Thema Bevölkerungsentwicklung.
© Foto: R. Keusch

Ältere Arbeitnehmer hatten es früher in vielen Branchen schwer, ihren Job zu behalten. So mancher wurde in Frührente geschickt - damit er das Feld für den Nachwuchs räumt. Schließlich, so das Klischee in den Chefetagen, seien die Jüngeren leistungstärker und belastbarer.

Doch schon heute sind diese Zeiten weitgehend passé: Zahlreiche Unternehmen bauen auf die Erfahrung und auf die Zuverlässigkeit älterer Arbeitnehmer. Und vor allem: Der Nachwuchs wächst nicht mehr nach, immer weniger Kinder werden in der Bundesrepublik geboren. Schon heute zeichnet sich Fachkräftemangel ab.Wie die regionalen Firmen auf diesen Wandel reagieren sollen - darum drehte sich das Treffen des Radevormwalder Unternehmer Netzwerks "RUN". Über 100 Vertreter aus den Betrieben waren dazu ins Bürgerhaus gekommen, um einem Vortrag von Detlef Hollmann zu lauschen. Der Experte der Bertelsmann Stiftung hatte jede Menge Daten, Fakten und Statistiken rund um die Bevölkerungsentwicklung mitgebracht. "Bis 2060 wird die Zahl der Arbeitnehmer über 65 Jahre um 31 Prozent steigen, die Zahl der Jungen unter 20 Jahre nimmt ab - um 35,4 Prozent." Die Gründe liegen auf der Hand. "Schon heute gibt es einen starken Geburtenrückgang. Und die Kinder, die es heute nicht mehr gibt, werden eben selber auch keine Kinder bekommen." So leben aktuell rund 82 Millionen Einwohner in der Bundsrepublik. 2060 werden es laut Prognosen nur noch zwischen 64,7 und 70,1 Millionen sein. "Das hängt von der Zuwanderung ab."

Was aber bedeutet diese Entwicklung schon heute für die Wirtschaftswelt? Ganz einfach: Die Unternehmen müssten noch stärker auf die Bedürfnisse der älteren Mitarbeiter eingehen - und das auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Arbeitszeiten und -abläufe gilt es zu optimieren. Arbeitsplätze sollten so eingerichtet werden, dass die Kollegen länger tätig bleiben können und dabei nicht krank werden. Und auch die Führungskräfte müssen lernen. "Sie sollten die Älteren motivieren, etwas leisten zu wollen", so Referent Hollmann.

Er schlug den Unternehmen vor, einen Arbeitskreis "Demoga-Wandel" zu schaffen - ob firmenintern oder in Kooperation mit anderen Betrieben. Dass dies bereits geschieht, führte Guido Verwied vor Augen. Er ist Leiter der Raiffeisenbank Radevormwald - einer Zweigniederlassung der Volksbank Oberberg. "Von unseren 420 Mitarbeitern gehen in den nächsten zehn Jahren 50 in den Ruhestand. Und darunter sind viele hochqualifizierte Kollegen." Da müsse man sich die Frage stellen, wie die Älteren ihr Wissen und ihre Kompetenz an die jüngeren Mitarbeiter weitergeben können, erklärte er beim Treffen im Bürgerhaus.

Dazu habe sich eine Arbeitsgruppe gebildet, die sich auch die Frage stelle, wie man allgemein auf den Bevölkerungswandel reagieren müsse. "Wie entwickelt sich der Bedarf unserer Kunden in einer Zeit, da sie viele immer älter werden? Wir werden ganz sicher eher neue Filialen öffnen als Niederlassungen schließen", erklärt Verwied: "Denn ältere Menschen sind eben nicht mehr so mobil."

Uwe Kremers, Leiter der Diakonie-Station im Wartburghaus, stellte dar, dass der demographische Wandel auch die Pflegeberufe erreicht hat. "Es wird immer schwieriger, examiniertes Personal zu bekommen." Bereits jetzt sei das Durchschnittsalter der Pflegekräfte in der Diakoniestation mit 46 Jahren "relativ hoch". Aber gerade die älteren Mitarbeiter bringen aus seiner Sicht für die Tätigkeit Vorteile mit, die jüngere Kollegen nicht immer haben können. "Zum Beispiel Lebenserfahrung, aber auch hohe Zuverlässigkeit, Sozialkompetenz und Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Patienten."

Auch das Vorurteil, wonach die Älteren häufiger krank seien, könne er nicht bestätigen. "Sie sind zwar im Schnitt länger krank, aber auch seltener als die jüngeren Kollegen." Was ihnen aber zunehmend schwer falle, seien "Belastungsspitzen" zu bewältigen - zum Beispiel in der Ferienzeit oder bei ungewöhnlichen Wetterlagen, wie bei dem großen Schnee im Dezember. "Sie müssen ihre Tour schaffen und bis zu 30 Patienten besuchen."

Wie die künftige Arbeitswelt einmal aussehen könnte, erfuhren die Zuhörer anhand eines Beispiels. "Unser ältester Kollege ist 71 Jahre alt. Er ist ein examinierter Altenpfleger, der nach wie vor einen 400 Euro-Job hat und in der Herkingrader Wohngemeinschaft für ältere Menschen hilft." Dieser Kollege, so Kremers, sei ein "herausragender Mitarbeiter".

- RADER UNTERNEHMERNETZWERK
RUN: Diese drei Buchstaben stehen für das Rader Unternehmer Netzwerk. Gegründet wurde es vor sechs Jahren. Ziel ist die Kontaktpflege der heimischen Wirtschaftsvertreter, die sich bei den regelmäßigen Treffen näher kennenlernen - und Geschäftsbeziehungen auf- und ausbauen können. Garniert wird diese Kontaktbörse immer wieder mit Fachvorträgen zu besonderen Themen. In Hückeswagen gründete sich nach diesem Prinzip die Hückeswagener Unternehmer Initiative - kurz "Hui". Die Vertreter aus der Nachbarstadt waren beim Fachvortrag am Dienstag miteingeladen.

DEMOGRAPHISCHER WANDEL: Angeregt wurde der Vortrag am Dienstagabend vom Verein "Aktiv 55 plus", der RUN auf Thema und Referent aufmerksam machte. Dr. Reinhold Hikl, Vorsitzender der Senioreninitiative, stellte den Verein bei dieser Gelegenheit noch einmal vor - und blickte auf die Anfänge zurück: "Aktiv 55 plus" ging aus einem Forschungsprojekt der Weltgesundheitsorganisation hervor, die die Lebensumstände älterer Menschen exemplarisch in Radevormwald untersucht hatte. Heute leistet der Verein noch immer "aufsuchende Arbeit" von älteren Menschen, die isoliert sind und zu vereinsamen drohen. Zudem bietet "Aktiv 55 plus" Angehörigen Pflegeberatung an.